Friedrich Schneiders umfangreiches Schaffen für das Klavier blieb – trotz vielfältiger Spezialuntersuchungen auf diesem Gebiet – bisher von der Forschung völlig unbeachtet, obwohl er (neben seinem Ruf als Komponist und Dirigent) zu den angesehensten Klaviervirtuosen seiner Zeit gehörte. Bei oberflächlicher Betrachtung taucht Schneiders Name jedoch sofort als Pianist der Uraufführung von Beethovens op. 73 (5. Klavierkonzert Es-Dur) am 28. November 1811 im Leipziger Gewandhaus auf. Bereits seit seinen ersten Kompositionsversuchen am Zittauer Gymnasium hatte die Klaviermusik im Vordergrund gestanden. Außer etlichen Tänzen, Ländlern, Ecossaisen und Variationen war jedoch bisher noch kein Werk größeren Umfangs für das Instrument entstanden. In seiner Selbstbiografie begründet Schneider diesen Umstand so: 

 

„Für das Pianoforte eine Sonate zu schreiben, faßte ich oft an, aber es wollte nie etwas Rechtes werden. Im Jahre 1803 wurde 'Hermann von Unna' mit Musik von Abt Vogler aufgeführt. Die Musik ergriff mich wunderbar, besonders die Ouvertüre. Die Ideen verließen mich nicht und so bildete sich meine erste Klaviersonate in d-moll. Auf einmal ging es leicht. Die Gedanken ordneten sich, der Faden riß nicht, ich war vergnügt. Die beiden anderen Sätze waren auch bald fertig, und ich fand den Mut, nachdem sie mein Bruder und einige andere Mitschüler gesehen hatten, sie Flaschner vorzuspielen. Auch dieser war überrascht und teilte seine Freude anderen auch mit. Dies machte mir Lust zu neuen Werken dieser Art, und bald brachte ich Freund Flaschner andere Sonaten; so ging es nun fort.“ 

 

Über Flaschner gelangten dann auch Schneiders erste Klaviersonaten nach Leipzig, wo sie August Eberhard Müller vorgelegt wurden, der sie wiederum dem Verlag Breitkopf & Härtel zum Druck empfahl. Zeitgenössische Rezensionen folgten umgehend und legten den Grundstein für Schneiders späteren Erfolg bei Publikum und Rezensenten:

 

„Es kann schwerlich ein angenehmeres Geschäft für einen Rec. geben, als das ist, welches so eben mir obliegt: die erste, und eine so verzüglich wohlgeratene Arbeit eines jungen Mannes - und mit dieser ihn selbst in der größeren Welt einzuführen.“ 

         

Mit dieser Einleitung eröffnete Friedrich Rochlitz die Besprechung der 1803 komponierten und im Folgejahr als Opus 1 erschienenen Trois Sonates pour le Pianoforte. Das Füllhorn, das Schneider in den folgenden Leipziger Jahren für das Klavier ausschüttete, brachte nicht weniger als 42 Klaviersonaten, 7 Klavierkonzerte, eine unüberschaubare Masse an kleineren Klavierstücken und etliche klavierbegleitete Kammermusik hervor, die teils schon viel früher entstanden waren. Sein gesamtes Sonatenschaffen entstand jedoch in dem kurzen Zeitraum von 1802 bis 1814 und fand somit seinen Abschluss, noch bevor Beethoven seine späten Sonaten überhaupt geschrieben hatte. Ab 1815 trittdas Klavier als Zentrum seines kompositorischen Interesses jedoch schlagartig hinter die Vokalmusik zurück.

 

24 seiner Klaviersonaten erschienen im Druck, etliche andere sind als Manuskript überliefert. Im Februar 1829 kündigte der Verleger Carl Brüggemann in der AMZ   die Herausgabe von Friedrich Schneiders sämtlichen Werken für das Pianoforte an. Er plante, „20 Sonaten sowie 10 Rondos, Variationen und kleinere Sachen“ in 10 Heften bis Ostern 1830 zu veröffentlichen. Aus nicht näher bekannten Gründen wurde dieses Unternehmen jedoch nach Erscheinen von Heft 4 eingestellt und später auch nicht erneut aufgegriffen. Die in dieser „Gesamtausgabe“ erneut abgedruckten Sonaten (op. 1 Nr. 1 und 3, op. 20 Nr. 2 sowie op. 40) enthalten teilweise recht umfangreiche Korrekturen und Revisionen. Die in den Monaten Mai bis Juli 1803 entstandene 1. Sonate in d-Moll (Op. 1 Nr. 1) ist ein gutes Beispiel für die Anlage der Schneider’schen Klaviersonaten bis etwa 1806. Dreisätzig aufgebaut folgt einem schnellen Anfangssatz oft ein liedhaftes Andante in zwei- oder dreiteiliger Form, wobei ein Prestosatz in Sonaten- oder Rondoform den Abschluss bildet. Nur selten ist den Frühwerken eine langsame Einleitung vorangestellt. Als das ‚reifste‘ unter diesen Frühwerken ist die im Manuskript überlieferte, 1805 in Zittau entstandene 13. Sonate in fis-Moll hervorzuheben, die in ihren Durchführungsteilen der Ecksätze die motivische Aufschließung der scharf kontrastierenden Themen an Gewicht gewinnen lässt, wobei durch kraftvolle Akkordfolgen nunmehr auch das vollgriffige Spiel an Bedeutung gewinnt. Ab etwa 1807 spiegelt sich Schneiders Bekanntschaft mit den Sonaten Beethovens in seinen Werken wider: in der 1807 entstandenen 31. Sonate f-Moll op. 21 macht sich beispielsweise ein neues, leidenschaftliches Pathos breit, das überdies in einer bewussteren Ausnutzung der Lagen und Klangregister, sowie einem Auskosten von verminderten Septakkorden und der Dominantnone gipfelt. In diesem Zusammenhang sind auch die Sonaten Nr. 32 e-Moll (op. 14 „Grande Sonate Pathétique“) aus dem Jahre 1809 und Nr. 35 f-Moll (op. 27) aus dem Jahre 1810 zu nennen. 

 

Die Sonaten Nr. 36 C-Dur (op. 26, 1810) sowie Nr. 40 D-Dur (op. 40, 1813) nähern sich in ihrem Duktus eher den brillanten Werken Hummels an: Oktaven, Terzen und Sextenpassagen, auf- und niederrasselnde Skalen, Sprünge über 2 Oktaven sowie weitgriffige Akkorde sind eher die Regel, als die Ausnahme. Die ebenfalls 1813 entstandene Sonate Nr. 39 f-Moll (op. 37) ragt besonders wegen ihrer eigentümlichen, zweisätzigen Anlage heraus und verbindet schon im ersten Satz, einem überaus breiten Scherzo, den brillanten Stil von op. 26 und op. 40 mit dem leidenschaftlichen Pathos der großen Mollsonaten. Schneiders Sonatenschaffen fand bereits 1814 mit der Sonate Nr. 42 B-Dur (op. 78, gedruckt 1829) seinen Abschluss.

 

Sämtliche Klaviersonaten in 4 Bänden

 

In den kommenden Jahren legen wir erstmals das vollständige Sonatenwerk von Friedrich Schneider in 4 Bänden vor. Die Aufteilung der Bände erfolgt dabei nach folgenden Kriterien:

 

Band I+II: zweihändige Klaviersonaten mit Opuszahlen

Band III: vierhändige Klaviersonaten mit Opuszahlen

Band IV: Klaviersonaten ohne Opuszahlen (im Manuskript überlieferte Sonaten)

 

Innerhalb der Bände sind die Sonaten chronologisch nach dem Jahr der Entstehung geordnet. Die pianistische Betreuung der Ausgabe erfolgt durch den Leipziger Pianisten Prof. Ulrich Urban, der sich bereits seit längerer Zeit für die Klavierwerke Friedrich Schneiders einsetzt. Ausgewählte Sonaten erscheinen parallel dazu als preiswerte Einzelausgaben. Alle Bände (auch die Einzelausgaben) enthalten dabei die gleiche Ausstattung: Ein ausführliches Vorwort (dt./engl.), Faksimileseiten sowie einen Kritischen Bericht.

 

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